Von grüner Haut und roten Haaren

                                          

Über grünen Hügeln hinter üppigen, himmelhohen Bäumen lag eine kleine Stadt, umgeben von einer hohen Mauer aus leuchtenden Platterbsen und Clematis, die im Frühling die Stadt mit einem süßen Duft bedeckten. Schmetterlinge tanzten zum Gezwitscher der Vögel, während sie von einer Blume zur anderen hüpften. Niemand konnte sich erinnern, wie diese Blumenwand entstanden war oder warum sie überhaupt existierte. Ebenso seltsam war, dass sie keine sichtbare Öffnung hatte und die Pflanzen weder verwelkten noch starben.

In dieser Stadt lebte ein friedvolles, wenn auch etwas phantasieloses und langweiliges Volk mit einer Haut der Farbe des Meeres und Haaren so weiß wie Silber. Am siebten Tag jeder Woche zogen die Menschen mit leuchtenden Bändern und bunten Schärpen durch die Stadt. Sie nickten einander höflich zu und sprachen darüber, wie traumhaft das Wetter war und wie schön es war, dass die Blumen blühten.  

An einem solchen Tag entdeckte jemand ein kleines Wesen auf dem Stadtplatz. Es saß ganz gemütlich in einem Körbchen, beschattet von dem kunstvollen Brunnen. Außer dem Geräusch, das es machte, als es an seinem Daumen lutschte, gab es keine weiteren Laute von sich. Schon bald versammelte sich eine kleine Gruppe von Menschen um das seltsame Wesen, und wunderten sich, wie es dorthin gekommen war. Es hatte zwei Arme, genau wie die Menschen in der kleinen Stadt. Es hatte zwei Beine, genau wie jeder andere. Es hatte sogar Augen, Lippen, Ohren und eine Stupsnase. Und alle anderen Teile befanden sich an ihren entsprechenden Stellen, genau wie die der Menschen, die ihn anglotzten. Aber das war auch schon alles, was an Ähnlichkeiten vorhanden war. Denn seine Haut war, anders als das Blau der Schaulustigen, ein grelles Smaragdgrün. Und auf seinem Kopf tobten große Locken, deren Röte die Zuschauer in Erstaunen versetzte. Die Menschen in der Stadt hatten noch nie jemanden mit roten Haaren gesehen. Tatsächlich hatten sie noch nie jemanden gesehen, dessen Haar nicht weiß und dessen Haut nicht blau war. Und so waren sie zutiefst beunruhigt und verwirrt von dieser winzigen Kreatur.   

„Was ist das?“, fragte jemand.

„Es sieht aus wie ein Baby“, kam die Antwort.

„Was für ein Unsinn! Haben Sie jemals ein Baby gesehen, das so aussieht?“, entgegnete ein anderer Herr.

„Aber was machen wir damit?“, fragte eine zierliche Dame mit rosa Bändern im Haar.

„Wir könnten es in den Brunnen werfen.“

„Aber was ist, wenn es sinkt? Oder noch schlimmer, wegfliegt?“

„Das wäre ganz schrecklich“, kreischte jemand.

„Wir könnten es in der Bäckerei arbeiten lassen.“  

„Aber es sieht nicht so aus, als ob es sich mit Teigen und Öfen auskennen würde“, konterte der Bäcker mit den dicken Backen.  

„Das Wichtigste zuerst“, sagte die Stadtschullehrerin, Fräulein von Weißes. „Wir müssen die Kreatur identifizieren. Wenn wir wissen, was es ist, wissen wir auch, was wir mit ihm machen sollen.“

Ihr Vorschlag wurde mit zustimmendem Nicken quittiert. Und so kratzten sich alle am Kopf, pressten die Kiefer zusammen und neigten die Köpfe zur Seite. Aber sie wurden nicht schlauer, was nicht weiter verwunderlich war, da sie ohnehin nicht besonders schlau waren. Und dann sagte jemand: 

„Warum fragen wir nicht Cognias?“

Alle waren sich einig, dass das eine gute Idee war. Denn wenn es jemanden gab, der das Wesen identifizieren konnte, dann war es sicherlich der Stadtgenius, der in einem Haus aus Büchern und Pergamenten lebte. Er schien Dinge zu wissen, die sonst niemand wusste. Aber wie er zu seinem Wissen kam, war für alle ein Rätsel. Und so wurde in aller Eile ein Junge beauftragt, den Mann zu holen, der die Lösung dieses Rätsels bringen sollte.

Schon bald wackelte Cognias daher und zog an seinem Schnurrbart, während er sich der Menge näherte. Als er die rothaarige Kreatur erblickte, gab er ein leichtes Keuchen von sich, ging auf alle viere, kroch auf sie zu und begann mit der Inspektion: Er zog an den Haaren, schnupperte an ihr und leckte ihr Gesicht ab. Als er sicher war, zu einem Urteil gekommen zu sein, richtete er sich auf, stellte sich breitbeinig vor die erwartungsvolle Menge und sagte:

„Das ist ein Baby.“    

„Aber wie ist es hierhergekommen? Und vor allem, warum sieht es so aus?“, fragte jemand.

„Leider bin ich nicht in der Lage festzustellen, wie es hierhergekommen ist. Aber ich kann Ihnen sagen, warum es so aussieht, wie es aussieht.“ Cognias räusperte sich. „Nach seinem Flammenhaar zu urteilen, kann ich mit Sicherheit sagen, dass dieses Kind aus der Stadt Fuchsrotia stammt.“

Verwirrtes Gemurmel folgte dieser neuen Information. Denn die Bewohner der kleinen Stadt hatten keine Ahnung, dass es außer ihnen noch andere Städte und Völker gab.

„Oh, die Welt ist voll von wundersamen Orten und bunten Menschen“, fügte der Stadtgenius hinzu. „Da ist Afropia, voll von Leuten mit Hautfarbe so schwarz wie Kohle und dickem schwarzen Haar, das in den Himmel wächst. Und dann gibt es die Brünettianer mit langem, wallendem, dunkelbraunem Haar, das ihnen bis zu den Knöcheln reicht. Ich habe sogar von Kahlia gelesen, wo niemand eine einzige Haarsträhne hat, nur glatte, glänzende Kopfhaut.“ Alle keuchten schockiert und fassungslos über diese Geschichten. 

Nachdem sie mit der Identifizierung des kleinen Wesens fertig waren, wandten sie sich der Frage zu, was sie mit dem Kind tun sollten.

„Es bleibt natürlich bei mir“, sagte Cognias und holte das brabbelnde Baby aus seinem Korb. Die verblüffte Menge schaute ihm nach, als er mit dem Kind auf dem Arm in Richtung seines Hauses aus Büchern und Pergamenten davonstolzierte. Keiner widersprach, denn keiner hatte eine bessere Idee. 

Und so kam es, dass das rothaarige Kind unter den Menschen der kleinen Stadt lebte. Und wann immer sie es sahen, wunderten sie sich über all die merkwürdigen Orte außerhalb der Mauer und die Wesen, die dort lebten. Und jemand sagte: „Oh, wäre es nicht schön, all diese Orte mit eigenen Augen zu sehen?“ Und alle nickten zustimmend. Aber dann zuckten sie mit den Schultern, drehten sich um und gingen zurück in ihr behütetes und leeres Leben.  

 

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