Der Mehrstaater

Ich blickte zum blauen Infoscreen mit der blinkenden Nummer hinauf: T520. Ich nahm mein Handy aus der Hosentasche und öffnete zum gefühlt hundertsten Mal die Einladungs-E-Mail. Meine Wartenummer war dieselbe wie vor zehn Minuten: T530. Ich fragte mich, ob die Nummern nach der Reihenfolge aufgerufen werden, als ich meine beschlagene Brille absetzte. Sollte dem so sein, dann sollten eigentlich mehr Menschen im Raum sein, als es tatsächlich der Fall war. Ich justierte meine Maske und schaute mir die anderen Anwesenden an: ein Mann, der auf sein Handy schaute, und eine Frau, die mit zitternden Händen Blätter in eine rote Mappe einlegte, während auch sie wiederholt zur Anzeigetafel hinaufschaute. Sie murmelte leise vor sich hin, als sie aufstand und den Raum verließ. 

In meinen zehn Jahren in Deutschland hatte ich noch nie einen Warteraum in einer deutschen Behörde so still erlebt. Die Ruhe war mir unvertraut. In einem Raum mit fünfundzwanzig Plätzen saßen gerade mal zwei Personen. Ich schaute mir die mit rotweißen Klebestreifen versehenen Stühle an. An einige waren A4-Blätter mit der Beschriftung Mindestens 1,5 Meter Abstand halten und Nasen-Mund-Schutz immer tragen befestigt. Instinktiv rückte ich meine Maske erneut zurecht. Ich schaute auf mein Handy – 10:50 Uhr. In der Einladung stand 10:45 Uhr. Plötzlich hallte ein Signalton durch den Raum. Ich setzte meine Brille auf und schaute wieder auf den Infoscreen – T530. 

Ich ging auf der Suche nach dem richtigen Zimmer durch den gewundenen Flur und sah einen Mann aus einem Büro kommen. Der Schlüsselbund rasselte, als er die Tür zusperrte. Er trug ein längs gestreiftes Hemd, eine olivgrüne Dreiviertelhose und braune Sandalen. Mit Dreiviertelhosen habe ich mich nie anfreunden können. Ihre Unentschiedenheit stört mich. Eine Hose hat entweder über dem Knie aufzuhören oder ganz lang bis zum Knöchel zu sein. Auch er trug eine Brille und eine Maske und ich wunderte mich, wie er und andere Brillenträger es schaffen, normal zu atmen, ohne dass dabei die Brille beschlägt. Das Geheimnis blieb mir vorenthalten.

„Nummer T530?“ fragte der Mann mit der Dreiviertelhose.

„Ja.“

„Könnten Sie bitte kurz draußen warten. Ich muss noch Ihre Sachen holen,“ sagte er und verschwand im gewundenen Flur. 

Ich setzte mich auf die graue Wartebank vor der Tür und fragte mich, wieso man meine Sachen nicht vorher geholt hatte.

Ein paar Minuten später erschien er, diesmal mit einem großen Ordner in der Hand.

„Kommen Sie bitte rein.“ 

Ich folgte ihm in ein Büro, das in seiner Einrichtung dem entsprach, was man von einer deutschen Behörde erwartet: hellbrauner Tisch voller Stempel und graue Rollladenschränke.  

„So, Herr Ngene. Ich möchte Ihnen erst mal zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft gratulieren.“ Er setzte seine Maske ab und lächelte mir zu.

„Danke schön.“ Ich nickte und erwiderte sein Lächeln. 

„Bevor ich Ihnen aber die Einbürgerungsurkunde aushändige, müssen wir erst mal ein paar wichtige Schritte durchgehen.“ Er schob mir ein Blatt zu, das ich ungelesen unterschrieb. 

„Nun darf ich Sie bitten, folgende wichtige Informationen aufzuschreiben,“ fuhr er fort. 

Ich fischte eifrig in meiner Umhängetasche nach einem Notizblock oder irgendetwas, auf dem ich schreiben konnte. Nichts. Mein Blick fiel schließlich auf die braune Versandtasche, in der ich meine Unterlagen aufbewahrte. Ich zog sie näher und fing an aufzuschreiben: Ich sollte Kopien der Einbürgerungsurkunde meinem Arbeitgeber, meiner Krankenkasse und meiner Bank vorlegen. 

„Aber geben Sie nie die originale Einbürgerungsurkunde aus der Hand. Bei Verlust derer wird nämlich keine neue ausgestellt.“ Er schaute mich eine Sekunde länger an, um mir die Ernsthaftigkeit dieser Aussage zu injungieren. Ich nickte, wie von mir erwartet. Mir gingen verschiedene schreckliche Szenarien, bei denen ich die Urkunde verlieren könnte, durch den Kopf: Brandfall, Erdbeben oder Überflutung. Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit, dass meine im ersten Stock liegende Wohnung im Münchner Norden in absehbarer Zeit überschwemmt wird, ist nicht besonders hoch. Und würde ich in Japan leben, wäre die zweite Option ein valider Grund zur Sorge, aber Ersteres kann man ja nicht komplett ausschließen.   

„Und noch etwas,“ sagte er. Vielleicht bildete ich mir das ein, aber es kam mir zumindest so vor, als ginge seine Stimme eine Oktave tiefer.

„Sie haben sich ja dafür entschieden, die nigerianische Staatsbürgerschaft beizubehalten. Das ist an sich erlaubt. Sie müssen jedoch einiges dabei beachten.“ Er schob mir ein Blatt Papier zu. Ganz oben drauf stand Merkblatt für Mehrstaater. Was für ein trockenes Wort – Mehrstaater. Es klingt nach einem Autoteil. Der Beamte fasste den Inhalt des Blattes kurz zusammen: Sollte ich mich im Hoheitsgebiet des anderen Staates, in diesem Fall Nigeria, aufhalten, dürfte das Land mich so behandeln, als ob ich ausschließlich seine Staatsangehörigkeit besäße. Bei einem Vorfall könnte mir dann die deutsche Auslandsvertretung keinen wirksamen deutschen Rechtsschutz bieten. Das alles sagte der Beamte in einem Ton, der sich jede Art der Voreingenommenheit verbitten wollte, in seinen Augen las ich allerdings ein „Uns-wäre-es-lieber-wenn-du-nur-die-deutsche-Staatsbürgerschaft-hättest,-aber-da-du-so-gierig-bist-und-unbedingt-zwei-Staatsangehörigkeiten-haben-möchtest,-erfüllt-es-uns-mit-unbeschreiblicher-Freude-,-dir-mitteilen-zu-dürfen,-was-dir-alles-Schlimmes-passieren-könnte-wegen-deiner-Habgier. 

Diese Information war mir nicht neu. Sie hätte ohnehin nichts an meinem Mehrstaater-Status geändert. Die nigerianische Gesetzeslage lässt nämlich eine Aufgabe der Staatsbürgerschaft durch Geburt, wie in meinem Fall, nicht zu. Eine Tatsache die mich mit großer Erleichterung erfüllte. Denn sollte ich lediglich den deutschen Pass besitzen, so bräuchte ich ein Visum, um meine Familie in Nigeria zu besuchen – ein schwer zu ertragender Umstand. 

Dies beruht auf einem der Grundsteine der nigerianischen Außenpolitik, nämlich der der Reziprozität. Er besagt, dass die Bürger eines Landes, das ein Visum von nigerianischen Staatsbürgern verlangt, wie Deutschland, auch ein Visum für Nigeria benötigen. Auch wenn man auf den Listen der beliebtesten Reiseziele der Welt weiter nach unten schauen muss, um Nigeria zu finden – wenn es überhaupt draufsteht –, basiert die nigerianische Visapolitik weniger auf der Beliebtheit des Landes als vielmehr auf dem Wie-du-mir,-so-ich-dir-Prinzip. Ein Prinzip, das mich zugegebenermaßen mit einem gewissen Stolz erfüllt. Finde ich halt gerecht.

Nichtsdestotrotz erschien mir die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft ein logischer Schritt. Mein Lebensmittelpunkt befindet sich in Deutschland: Freunde, Beruf und ein aktives Bankkonto. Und für jemanden, der politisch interessiert ist, gewährt mir die deutsche Staatsbürgerschaft ein starkes Instrument der politischen Mitgestaltung. Auch wenn es selbstverständlich viele andere Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation gibt, die den deutschen Pass nicht voraussetzen.          

„Jetzt haben wir das geklärt,“ sagte der Beamte und holte ein hellgrünes Blatt aus einer Mappe heraus. Sanft drückte er einen Holzstempel darauf. Er schimpfte leise. Er presste den Stempel auf ein Stempelkissen und drückte den Stempel erneut auf das Blatt, diesmal nicht mehr so sanft. 

Es kamen zwei weitere Stempel hinzu – ein großer eckiger und ein kleiner runder, gefolgt von einer raschen Unterschrift. Er blickte auf mich hinauf und reichte mir das Blatt. Ich betrachtete dieses Blatt mit den vier Stempeln, zwei Unterschriften und ganz oben dem Bundeswappen. In meiner Hand hielt ich das Ergebnis eines Verfahrens, das vor zwei Jahren im Rahmen einer Erstberatung seinen Anfang nahm. Ein Treffen, das im selben Gebäude stattfand, aber bei einer Beamtin, die keinen Mund-Nasen-Schutz trug, weil zu dem Zeitpunkt, das Wort „Corona“ immer noch nur unter Virologen geläufig war. Die Beratung damals verließ ich nicht mit einer Urkunde, sondern einer langen Liste von Nachweisen, die ich für die Einbürgerung benötigen würde.       

„Noch was, Herr Ngene. Nächstes Jahr ist Bundestagswahl und ich muss Sie ausdrücklich bitten, von Ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Es gehört nämlich nun zu einem Ihrer Rechte als deutscher Staatsbürger.“ 

„Wem sagen Sie das?! Natürlich gehe ich wählen! Warum glauben Sie, machen wir das alles hier?“ wollte ich den Mann mir gegenüber entgegenbrüllen. Stattdessen gab ich von mir ein schlichtes „Ja, mache ich.“  

Ich dachte darüber nach, dass ich mit 36 zum ersten Mal in meinem Leben meine Stimme bei einer Wahl abgeben werde. Als ich in Nigeria war, hatte ich lediglich ein Mal, und zwar im Jahr 2007, die Möglichkeit gehabt, den nigerianischen Präsidenten und den Gouverneur von Lagos zu wählen. Mein damaliges grundsätzliches Desinteresse an Politik, vor allem der nigerianischen Politik, und der fehlerhafte Registrierungsprozess führten jedoch dazu, dass ich von meinem Stimmrecht keinen Gebrauch gemacht hatte. Die nächste Wahl fand vier Jahre später statt – 2011. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits in München. Da jedoch die nigerianische Verfassung Staatsbürgern, die außerhalb des Landes wohnen, das Wahlrecht verwehrt, konnte ich seitdem nicht wählen. 2021 wird sich das aber ändern. 

„Damit wären wir am Ende. Ich wünsche Ihnen alles Gute und nochmals Gratulation.“

Auch wenn in dem Moment, als ich die Urkunde in der Hand hielt, keine aus dem Himmel niederschwebende, goldene Kronen tragende, Halleluja singende Engelschar zu verzeichnen war. Auch wenn ich mir gewiss war, dass der Rassismus immer wieder sein hässliches Haupt in meinem Leben erheben wird. Auch wenn ich nicht vorhatte, in absehbarer Zeit die deutsche Fahne in der Hand schwingend durch die Gegend zu laufen oder vor jedem Frühstück, die deutsche Nationalhymne zu schmettern. Auch ohne all dies konnte ich das angenehme Gefühl, das sich in diesem Moment seinen Weg von meinem Bauch zu meinem Herzen bahnte, nicht unterdrücken. Es war das gleiche Gefühl, das mich jedes Mal überkommt, wenn ich eine Geschichte zu Ende schreibe: das Gefühl, etwas erfolgreich vollbracht zu haben. In einer Welt voll von Abbrüchen – sowohl berechtigter als auch unberechtigter – und Ungewissheiten ist das erfolgreiche Abschließen jedes noch so kleinen Unterfangens ein Grund zum Feiern.   

Ich bedankte mich und verließ den Raum. Ich ging den Flur entlang Richtung Aufzug und legte dabei die Mappe mit dem grünen Blatt vorsichtig in meine Umhängetasche ein, begleitet von der Sorge, dass die Urkunde mit jeder Falte an Wert verliert. Während der Aufzug nach unten glitt, holte ich mein Handy heraus und gab in die Suchmaschine Bundestagswahl 2021, Datum ein. 

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